Immer wieder wird öffentlich ein Social Media Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren gefordert. Ausgelöst wird diese Debatte meistens schon durch berechtigte Sorgen: psychische Belastungen, Hass und Gewalt im Netz, sexualisierte Inhalte oder der ständige Druck, erreichbar zu sein. Diese Sorgen sind real und sie verdienen auch Aufmerksamkeit. Als Jugendverband, der tagtäglich mit jungen Menschen arbeitet, nehmen wir sie sehr ernst. Aber gerade deshalb müssen wir auch die Frage stellen, ob ein pauschales Verbot tatsächlich auch das richtige Mittel ist.
Verbote, Verbote, Verbote?
Digitale Räume sind längst Teil der Lebensrealität junger Menschen. Sie sind Orte der Freundschaft, der Information, des Engagements und der Beteiligung. Ein generelles Social Media Verbot blendet diese Realität total aus. Es verspricht Schutz, ohne die eigentlichen Ursachen der Probleme anzugehen und verlagert Verantwortung dorthin, wo sie nicht hingehört.
Die größten Risiken sozialer Medien entstehen nicht durch das Alter der Nutzer*innen, sondern durch fehlende Regeln für Plattformen, durch problematische Algorithmen, durch Geschäftsmodelle, die auf maximale Aufmerksamkeit setzen und durch unzureichenden Jugend- und Datenschutz. Wer allein auf Altersgrenzen setzt, entlässt Anbieter und die Politik vollkommen aus ihrer Verantwortung.
In der Arbeit des Jugendrotkreuzes erleben wir junge Menschen als aufmerksam, kritisch und sehr wohl risikobewusst. Sie wissen um die Schattenseiten sozialer Medien, sie benennen Gefahren und entwickeln eigene Strategien im Umgang damit. Diese Erfahrungen sollten nicht ignoriert werden. Ein pauschales Verbot wird dieser reflektierten Nutzung nicht gerecht. Es bevormundet statt zu befähigen und trifft häufig genau diejenigen, die besonders auf Unterstützung angewiesen wären.
Statt Verboten braucht es einen klaren Kurswechsel in der Digital- und Jugendpolitik. Plattformen müssen stärker in die Pflicht genommen werden. Es braucht verbindliche Regeln, die Kinder und Jugendliche wirksam schützen, sowie eine konsequente Regulierung von Algorithmen und Geschäftsmodellen, die heute oft Abhängigkeit begünstigen.
Gleichzeitig muss Medienbildung endlich massiv gestärkt werden. Sie gehört in die Schule, in die Jugendarbeit und in das Ehrenamt. Junge Menschen brauchen Räume, in denen sie digitale Kompetenzen entwickeln, Risiken einschätzen lernen und einen selbstbestimmten Umgang mit sozialen Medien finden können. Ebenso wichtig sind niedrigschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote, die auch Eltern und Fachkräfte einbeziehen.
Entscheidend ist zudem die Beteiligung junger Menschen selbst. Entscheidungen über ihre digitale Lebenswelt dürfen nicht über ihre Köpfe hinweg getroffen werden. Wer Schutz, Teilhabe und Verantwortung zusammendenkt, kommt an echter Beteiligung nicht vorbei.
Wer über junge Menschen spricht, sollte sie auch einbeziehen. Gerade bei digitalen Themen ist Beteiligung keine Nebensache, sondern Voraussetzung für wirksame Lösungen. Jugendliche wollen ernst genommen werden und sie haben etwas zu sagen.
Als Bayerisches Jugendrotkreuz setzen wir uns für einen Umgang mit diesen Themen ein, der schützt, ohne auszugrenzen. Der befähigt, statt zu verbieten und die Verantwortung dort verortet, wo sie hingehört.
Ein Social Media Verbot für unter 16-jährige mag entschlossen und populär wirken. Es ist aber vor allem eines: viel zu kurz gedacht. Was junge Menschen brauchen, sind klare Regeln, gute Bildung und echte Beteiligung. Oder kurz gesagt: Jugendliche sind Teil der Lösung, nicht das Problem.
Marvin Kliem ist Vorsitzender des Bayerischen Jugendrotkreuzes.
Im Blog des Bayerischen Jugendrotkreuzes überwiegt die persönliche Meinung, sie steht über den Inhalten. So gelingt es den Autorinnen und Autoren Themen ausführlich aufzubereiten, zum Nachdenken einzuladen und Diskussionen zu erzeugen.
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