Immer wieder wird über ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr diskutiert und dieses gefordert. Inzwischen wandelt sich der Diskurs hin dazu, dass eine Neuaktivierung der 2011 ausgesetzten Wehrpflicht beraten und in Erwägung gezogen wird. Denn seit Anfang 2026 gibt es eine erneute Wehrerfassung - das Ausfüllen eines Fragebogens für alle Männer ist verpflichtend sowie die Begutachtung durch medizinisches Personal (Musterung) - wieder Pflicht, der Wehrdienst bleibt (noch?) freiwillig.
Junges Engagement stärken – statt Freiwilligkeit zu verdrängen
Engagement braucht Freiheit
Immer mehr junge Menschen engagieren sich freiwillig – in der Jugendarbeit, im Sanitätsdienst, im Katastrophenschutz oder im Freiwilligen Sozialen Jahr, jedenfalls ist das meiste ehrenamtliche Engagement in Organisationen und Vereinen zu finden. Dieses Engagement lebt von Motivation, Mitbestimmung und persönlicher Entwicklung. Mit dem geplanten Bundesgesellschaftsdienstgesetz sollen Bundesfreiwilligendienst und Zivildienst in einem neuen System zusammengeführt werden. Das Ziel, den Bevölkerungsschutz zu stärken, teilen wir ausdrücklich. Kritisch sehen wir jedoch die Gefahr, dass bewährte Freiwilligendienste an Bedeutung verlieren und Bildung hinter eine Dienstlogik zurücktritt.
Freiwilligkeit ist mehr als ein organisatorisches Detail
Das Jugendrotkreuz versteht Engagement als freiwillige Entscheidung. Genau darin liegt seine Stärke: Junge Menschen übernehmen Verantwortung, weil sie sich bewusst dafür entscheiden – nicht, weil ein staatlicher Dienst dies vorgibt. Freiwilligendienste fördern Eigeninitiative, demokratische Teilhabe und langfristiges Ehrenamt. Unsere Haltung: Wer sich freiwillig engagiert, leistet bereits einen wertvollen Dienst für die Gesellschaft.
Bildung statt Arbeitskraft
Der größte Unterschied zwischen modernen Freiwilligendiensten und dem historischen Zivildienst ist die pädagogische Begleitung. Seminare, Reflexion und Persönlichkeitsbildung sind kein Bonus, sondern Kern der Freiwilligendienste.
Warum das wichtig ist:
- Demokratiebildung stärkt gesellschaftliche Verantwortung.
- Berufsorientierung hilft jungen Menschen bei ihrer Zukunftsentscheidung.
- Reflexion verhindert Überforderung und reduziert Abbrüche.
Gleiche Anerkennung für alle die dienen
Ein zentraler Kritikpunkt ist die drohende Ungleichbehandlung zwischen Freiwilligendienst und neuem Zivildienst. Daher braucht es gleiche finanzielle und strukturelle Rahmenbedingungen für alle Dienste – unabhängig von ihrer Bezeichnung. Dazu gehören insbesondere:
- ein Freiwilligengeld mindestens auf BAföG-Niveau,
- gleiche Vergünstigungen,
- gleiche soziale Absicherung,
- gleiche Wertschätzung.
Ein neuer Zivildienst darf nicht attraktiver ausgestaltet werden als ein Freiwilliges Soziales Jahr. Sonst werden junge Menschen nicht für Engagement gewonnen, sondern zwischen Programmen gelenkt.
Bevölkerungsschutz braucht Nachwuchs - den richtigen
Die letzten Jahre haben gezeigt, wie wichtig ein leistungsfähiger Bevölkerungsschutz ist: Pandemie, Hochwasser und Extremwetter verlangen resiliente Strukturen. Doch Resilienz entsteht nicht allein durch einen staatlichen Dienst. Sie entsteht durch Menschen, die sich einbringen.
Daher braucht es:
- ausreichend Förderung von Jugendverbandsarbeit,
- anerkannte Zusatzqualifikationen,
- bessere Begleitung durch hauptberufliche Fachkräfte,
- den Übergang vom Freiwilligendienst ins Ehrenamt.
Bestehende Strukturen stärken als neue Systeme erfinden
Das DRK verfügt bereits über funktionierende Strukturen für Vermittlung, Bildung und Begleitung. Statt parallele Verwaltungswege aufzubauen, sollte das neue Gesetz auf diesen Erfahrungen aufbauen.
Dazu gehören:
- bestehende Zentralstellen,
- digitale und unbürokratische Verfahren,
- ein Rechtsanspruch auf einen Freiwilligendienstplatz,
- eine verlässliche Finanzierung der Träger.
Gerade Jugendverbände brauchen Planungssicherheit, um qualitativ hochwertige Angebote machen zu können.
Wie ich mir das vorstelle?
Freiwilligendienst muss Wehr- und Zivildienst ersetzen
Wer sich freiwillig engagiert, hat bereits Verantwortung übernommen und soll entsprechend anerkannt werden.
Bildung und pädagogische Begleitung gehören ins Zentrum
Seminare, Persönlichkeitsentwicklung und Demokratiebildung sind unverzichtbare Bestandteile aller Dienste.
Gleiche finanzielle Bedingungen für alle Engagementformen
Freiwillige dürfen gegenüber einem neuen Zivildienst nicht benachteiligt werden.
Bevölkerungsschutz als Lern- und Ehrenamtsraum ausbauen
Mehr Qualifizierung und bessere Begleitung schaffen nachhaltige Strukturen statt kurzfristiger Personalgewinnung.
Bewährte Jugendfreiwilligendienste dauerhaft absichern
Das FSJ und andere (Jugend-)freiwilligendienste brauchen verlässliche Finanzierung und einen Förderanspruch.
Junge Menschen wollen, können und sollen Verantwortung übernehmen. Dafür brauchen sie keine Konkurrenz zwischen Freiwilligendienst und Zivildienst, sondern starke Rahmenbedingungen für freiwilliges Engagement. Das Bayerische Jugendrotkreuz setzt sich deshalb für ein Bundesgesellschaftsdienstgesetz ein, das Bildung, Freiwilligkeit und Ehrenamt stärkt – und nicht ersetzt. Denn eine resiliente Gesellschaft entsteht dort, wo Menschen aus Überzeugung füreinander und miteinander einstehen.
Jörg Duda ist Geschäftsführer des Bayerischen Jugendrotkreuzes.
Im Blog des Bayerischen Jugendrotkreuzes überwiegt die persönliche Meinung, sie steht über den Inhalten. So gelingt es den Autorinnen und Autoren Themen ausführlich aufzubereiten, zum Nachdenken einzuladen und Diskussionen zu erzeugen.
Die Beiträge im JRK-Bayern-Blog erscheinen unregelmäßig regelmäßig.